Klimarisikoanalysen im Vergleich

Wie die Gemeinde Musterdorf klimafit werden kann 

Ein Anwendungsbeispiel für die drei Tools 

Die Gemeinde Musterdorf liegt im Hügelland Österreichs. Sanfte Erhebungen prägen die Landschaft, dazwischen Felder, Wiesen und kleinere Waldflächen. Lange Zeit galt das Klima als angenehm und ausgeglichen. Doch in den vergangenen Jahren bemerken viele Bewohner:innen Veränderungen: Die Sommer werden immer heißer, Hitzewellen dauern länger an und tropische Nächte erschweren den Schlaf. Besonders ältere Menschen, Kleinkinder und Personen mit Vorerkrankungen leiden unter der zunehmenden Hitzebelastung. Auch die Mitarbeitenden der Gemeinde stellen fest, dass öffentliche Plätze an heißen Tagen kaum mehr genutzt werden, das Arbeiten im Freien belastender wird und die Kühlung öffentlicher Gebäude immer mehr Energie benötigt. Daneben trat allerdings auch ein Starkregenereignis im Frühjahr auf, bei dem innerhalb weniger Stunden enorme Regenmengen niedergingen. Das Wasser konnte nicht mehr versickern, Keller liefen voll, Straßen standen unter Wasser und auch das Senior:innenheim war massiv bedroht.  

In einer Gemeinderatssitzung wird deutlich, dass weder Hitze noch Starkregenereignisse längst keine vereinzelte Wetterphänomene mehr sind, sondern gemeinsam mit anderen Naturgefahren zentrale Herausforderungen für die Gemeinde darstellen. Die Bürgermeisterin Karla Klarsicht möchte daher besser verstehen, welche Auswirkungen der Klimawandel für Musterdorf haben wird und wie sich die Gemeinde gut darauf vorbereiten kann. Je nach Fragestellung stehen dafür unterschiedliche Instrumente zur Verfügung. 

Vorsorgecheck Naturgefahren im Klimawandel

Die Bürgermeisterin Karla Klarsicht möchte zunächst einen Überblick darüber gewinnen, welche Natur- und Klimagefahren für Musterdorf heute und in Zukunft besonders relevant sind und wie gut die Gemeinde bereits darauf vorbereitet ist. Dafür entscheidet sie sich für den Vorsorgecheck Naturgefahren im Klimawandel. Gemeinsam wird besprochen, wer am Check teilnehmen soll: die Bürgermeisterin, der Amtsleiter, der Bauamtsleiter und die Feuerwehrkommandantin werden jedenfalls dabei sein. Vielleicht kann auch jemand aus dem Senior:innenheim teilnehmen. 

Zwei für den Check ausgebildete Auditor:innen kommen für einen dreistündigen Workshop nach Musterdorf. Noch vor dem offiziellen Start machen sie eine Rundfahrt durch die Gemeinde. Auf Basis von Gefahrenhinweiskarten begutachten sie jene Stellen, die sie bereits im Vorfeld als mögliche Hotspots eingestuft haben. 

Anschließend beginnt der Workshop im Gemeinderatssaal: Gemeinsam mit den Vertreter:innen der Gemeinde, der Feuerwehr sowie weiterer relevanter Einrichtungen betrachten sie, welche Natur- und Klimagefahren durch den Klimawandel künftig häufiger und/oder intensiver auftreten können. Erleichtert stellen die Teilnehmenden fest, dass nicht jede Gefahr für ihre Gemeinde relevant ist. Lawinen beispielsweise spielen hier keine Rolle. Schon bald entwickelt sich eine lebhafte Diskussion über vergangene Ereignisse und deren Ausmaße. Schnell wird klar, dass nicht nur Starkregen Probleme verursacht hat. Mehrere Anwesende berichten von immer heißeren Sommertagen. Es zeigt sich, dass Hitze für Musterdorf zu den wichtigsten Herausforderungen zählt. Gemeinsam wird erhoben, welche Maßnahmen bereits bestehen – etwa schattige Aufenthaltsbereiche, Begrünungsmaßnahmen oder Informationsangebote für die Bevölkerung – und in welchen Bereichen noch Handlungsbedarf besteht. Grundlage für die Diskussion bilden unter anderem regionale Klimaprojektionen sowie die Erfahrungen der Teilnehmenden aus vergangenen Hitzeperioden. 

Nach Abschluss des Vorsorgechecks erhält die Gemeinde einen Bericht mit einer Übersicht der relevantesten Klimarisiken sowie einer Einschätzung des aktuellen Vorsorgestatus. Der Bericht zeigt auf, in welchen Bereichen Musterdorf bereits gut aufgestellt ist und wo Anpassungsmaßnahmen prioritär weiterentwickelt werden sollten. Damit bildet der Vorsorgecheck die Grundlage für eine strategische und umfassende Auseinandersetzung mit Naturgefahren im Klimawandel. Gleichzeitig zeigt der Vorsorgecheck, wie wichtig es ist, alle relevanten Akteur:innen an einen Tisch zusammenzubringen. Die drei Stunden mit den beiden Auditor:innen vergingen wie im Flug – und hinterließen nicht nur neue Erkenntnisse, sondern auch das gute Gefühl, die zukünftigen Herausforderungen gemeinsam und gut vorbereitet angehen zu können. 

Lokale Klimarisikoanalyse

Bürgermeisterin Karla Klarsicht kennt nun die zwei wesentlichsten Herausforderungen für die Zukunft: Hitze und Starkregen. Sie möchte nun dazu noch konkretere Daten erhalten und entscheidet sich daher, die lokale Klimarisikoanalyse für diese beiden Gefahren durchzuführen. 

Die Wissenschaftler:innen bei der GeoSphere Austria berechnen zuerst, wie viele Hitzetage es in Zukunft bei verschiedenen Klimaszenarien in Musterdorf geben wird. Sie schauen sich auch an, wie häufig ein Starkregenereignis wie das oben beschriebene stattfinden wird. Auch, wer oder was davon betroffen sein wird, wie viele Einwohner:innen von Musterdorf oder auch Gesundheits- und Bildungseinrichtungen betroffen sein werden, analysieren sie. Dafür greifen sie auf die österreichischen Klimaszenarien ÖKS15/26, Daten der Statistik Austria und andere relevante räumliche Daten der Gemeinde zurück bzw. stellen eigene Berechnungen an. Diese Daten visualisieren sie dann in extra für Musterdorf erstellten Karten .  

Bei einem ½ tägigen Workshop gemeinsam mit relevanten Entscheidungstragenden aus Musterdorf – die Feuerwehrkommandantin, der Einsatzleiter des Roten Kreuz, die leitende Person aus der Flächenwidmung, die Leiterin der Bergrettung, der Vorsitzende einer Sozialeinrichtung, der Schulleitung und Karla Klarsicht – werden Klimawirkungsketten erstellt: Worauf wirkt Hitze sich aus? Wie hängt diese Naturgefahr mit anderen Themen wie zum Beispiel klimafitter Raumplanung, der Anordnung von öffentlich zugänglichen Grünflächen, oder einer veränderten Wirkweise von Medikamenten zusammen? 

Darauf aufbauend entwickeln die Wissenschaftler:innen dann 1-2 Szenarien für Musterdorf. Das könnte dann so aussehen: “Eine Hitzewelle kommt auf Musterdorf zu. Wie gehe ich als Gemeinde damit um, und wie kann ich die anfälligsten und am stärksten betroffenen Personen am besten schützen?” Diese Szenarien werden dann gemeinsam mit Vertreter:innen vulnerabler Gruppen (besonders anfällige Personen wie z. B. Menschen mit Behinderung, pflegebedürftige Personen, Personen mit ungünstiger Wohnsituation, im Freien arbeitende Personen, etc.) in einem ½-1-tägigen Workshop durchbesprochen. Besonders große Herausforderungen werden identifiziert, und auch, wo und mit welchen Maßnahmen man ansetzen könnte, um die Verwundbarkeit der Bevölkerung Musterdorf zu minimieren.  

Nach einer Aufbereitung der Ergebnisse bekommt Karla Klarsicht einen Klimarisikobericht, wo sie mit Karten, Grafiken, Wirkungsketten und Aussagen von Personen sehen kann, wo die größten Hotspots und Herausforderungen für Musterdorf liegen. Damit haben sie sie eine wesentliche Grundlage, um zu entscheiden, wo es notwendig ist, Anpassungsmaßnahmen zu setzen. Ein Factsheet zeigt diese Infos grafisch aufbereitet und einfach verständlich und kann zur Bewusstseinsbildung mit der Bevölkerung geteilt werden.

Klimaresilienz-Check Gesundheit

Karla Klarsicht weiß nun, dass nur gesunde Einwohner:innen, die sich in ihrer Region wohlfühlen, gut mit Klimarisiken umgehen können. Zunehmend stellt sie fest, dass Hitze für viele Menschen in ihrer Gemeinde ein großes Problem ist. Um besser zu verstehen, welche weiteren gesundheitlichen Risiken der Klimawandel mit sich bringt und wie die Gesundheit langfristig gefördert werden kann, wendet sie sich an die Gesundheit Österreich (GÖG) und nutzt den Klimaresilienz-Check Gesundheit (KLIC).  

Im ersten Schritt organisiert sie einen dreistündigen Planungsworkshop vor Ort. Dazu lädt sie 6 bis 8 fachkundige Personen ein: Expert:innen für Klimawandelanpassung, die Community Nurse, eine Apothekerin, den Hausarzt sowie die Direktorin der örtlichen Schule. Auch weitere interessierte Personen mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Gemeinde nehmen teil. Externe Fachpersonen (KLIC-Anleiter:innen) bereiten den Workshop inhaltlich und methodisch vor und moderieren ihn. 

 Den Teilnehmenden werden Datenauswertungen zu regionalen Vulnerabilitäten der Bevölkerung und zu Versorgungskapazitäten im Österreichvergleich präsentiert. Dadurch erhalten sie eine fundierte Übersicht über demografische, sozioökonomische und gesundheitliche Anfälligkeiten und können zentrale Herausforderungen identifizieren. Gemeinsam legen sie das Thema fest: „Was hilft älteren Menschen in der Gemeinde, um an heißen Tagen ohne eigenes Auto unterwegs sein zu können?“ 

Darauf aufbauend organisiert Karla Klarsicht einen vierstündigen Zukunftsworkshop mit Personen aus der Gemeinde: Pensionist:innen, pflegende Angehörige, Menschen kurz vor der Pension sowie Beschäftigte der mobilen Pflege. In einem kreativen Setting – mit der Vorstellung, im Jahr 2050 zu sein – diskutieren sie an Thementischen die Herausforderungen von Mobilität und sozialer Teilhabe im Alter, insbesondere an Hitzetagen. Dies erleichtert es, Erfahrungen einzubringen und neue Lösungen zu entwickeln. 

 Aus den Ideen werden gemeinsam mit den KLIC-Anleiter:innen sechs konkrete Handlungsoptionen ausgearbeitet. Um die Bevölkerung einzubeziehen, werden diese auf Plakaten im öffentlichen Raum präsentiert, etwa im Gemeindeamt oder vor dem Kindergarten. Bürger:innen können mittels Markierungen jene Optionen hervorheben, die sie als besonders wichtig erachten. So erhält Karla Klarsicht ein Stimmungsbild aus der Bevölkerung. 

 Abschließend präsentieren die KLIC-Anleiter:innen die Ergebnisse in der Gemeinde. Karla Klarsicht nutzt diesen Termin, um relevante Akteur:innen für die Umsetzung zu gewinnen. Ein Regionalprofil fasst den Prozess kompakt zusammen und dient künftig als Grundlage für Maßnahmen zur Stärkung der gesundheitlichen Klimaresilienz. 

Eines haben Starkregenereignis und Hitzewelle allen Akteur:innen deutlich gemacht: Klimarisiken sind keine abstrakte Zukunftsfrage mehr. Sie betreffen die Gemeinde bereits heute. Alles, was dabei helfen kann, die Klimarisiken in Musterdorf besser zu verstehen, ist hilfreich. So kann sich die Gemeinde besser vorbereiten, und zukünftige Herausforderungen gemeinsam und gut vorbereitet angehen.