Junihochwasser 2013

(22. Juli 2013) Das verheerende Jahrhundert Hochwasserereignis im Juni 2013 ließ die Pegelstände an einigen Flüssen Österreichs bis zu Rekordmarken steigen. Nach dem letzten großen Hochwasser vor 11 Jahren, rüttelt diese erneute Naturkatastrophe die Betroffenen, die Politik und die österreichische Gesellschaft auf. Es wird deutlich, dass Hochwasserschutz ein fortwährender Prozess bleiben muss und gesetzte Strategien und Maßnahmen noch lange nicht abgeschlossen sind.

 

Die Frage, ob und wenn ja, welche anthropogenen (vom Menschen bedingte) Einflussfaktoren das Hochwasserrisiko verändern können, wird gerade infolge von großen Hochwasserereignissen immer wieder gestellt.

 

Der Klimawandel wird dabei als ein möglicher Faktor genannt, der die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß von Hochwasserereignissen beeinflusst. In einer weltweiten Betrachtung kam die in „Nature Climate Change“ veröffentlichte Studie „Global flood risk under climate change“ zu dem Schluss, dass das Hochwasserrisiko in Südostasien, der Indischen Halbinsel, Ostafrika und den nördlichen Anden mit hoher Wahrscheinlichkeit infolge des Klimawandels zunimmt. In anderen Teilen der Erde ist jedoch - für die verwendeten Szenarien - auch eine Abnahme der Wahrscheinlichkeit von Hochwässern möglich (Hirabayashi, 2013).

 

Für Mitteleuropa und für Österreich können nach Aussagen der ZAMG aus den bisherigen statistischen Zukunftsmodellierungen jedoch keine verlässlichen Aussagen zu klimabedingten Veränderungen des Hochwasserrisikos getroffen werden. In den letzten 30 Jahren haben zwar insbesondere die Winterhochwässer in rund 1/5 der Einzugsgebiete Österreichs zugenommen, diese Häufungen liegen jedoch noch im Rahmen von Hochwasserdekaden/Schwankungen früherer Jahrhunderte (ZAMG und TU-Wien, 2011).

 

Da Abflussveränderungen von Flüssen vor allem infolge geänderter Niederschlagsverhältnisse zu erwarten sind, ist es gerade für den Alpenraum sehr schwierig, einen einheitlichen Trend zu beobachten: Die Niederschläge und hydrologischen Bedingungen sind sehr vielfältig und variieren kleinräumig stark (Kromp-Kolb, 2009). Der Klimawandel könnte jedoch auch indirekte Effekte auf das Hochwasserrisiko haben. Infolge des Temperaturanstiegs fällt ein geringerer Anteil des Niederschlags als Schnee. Zusätzlich wird eine Niederschlagszunahme im Winter erwartet. Diese beiden Faktoren lassen eine Zunahme des Hochwasserrisikos im Winter im Tiefland und Alpenvorland erwarten (Kromp-Kolb, 2009; Formayer und Kromp-Kolb, 2009). Ein weiterer hochwasserfördernder Effekt wären vermehrte Starkniederschläge im Winter, von denen Schweizer WissenschaftlerInnen im Alpenraum ausgehen (Frei et al., 2005: In Formayer und Kromp-Kolb, 2009).

 

Entwicklung der Landnutzung und Fluss-Landschaften

 

Ein wesentlicher Einfluss auf das Auftreten und das Ausmaß von Hochwässern in Mitteleuropa wird jedenfalls der Landnutzung beigemessen. Von zentraler Bedeutung ist die historische und immer noch weiter fortschreitende Reduktion von (natürlichen) Retentionsräumen (= nicht versiegelte Flächen, die bei Hochwasser überflutet werden können). Die Siedlungsentwicklung sowie die Inanspruchnahme durch Verkehrsinfrastruktur und Industrie führten und führen auch heute noch zu einer enormen Zunahme von versiegelten Flächen. In der Periode 2009 bis 2012 lag die gesamte tägliche Flächeninanspruchnahme bei 22,4 ha/Tag. Davon wurden in den letzten drei Jahren täglich 4,3 ha versiegelt, d.h. Boden wurde durch wasserundurchlässige Schichten (z. B. Asphalt) bedeckt (Umweltbundesamt, 2013).

 

Menschen haben ihre Siedlungen häufig im Nahbereich von Flüssen und Strömen errichtet und im Laufe der Zeit wurden daraus urbane Zentren. Vor den großen Fließgewässerregulierungen und Kraftwerksnutzungen in den letzten zwei Jahrhunderten waren großflächige Landschaftsteile von Flüssen geprägt und bildeten Flusslandschaften. Rund 15 % der Fläche des heutigen Dauersiedlungsraums (rd. 4.750 km2) waren Überflutungszonen der 53 größten Flüsse Österreichs. (Haidvogl et al, 2009). Auch noch in den letzten Jahrzehnten sind durch die Nutzung der Überflutungsflächen und Landnutzungsänderungen laut Münchner Rückversicherung die Hochwasserschäden deutlich angestiegen (Habersack, 2009). Neben Siedlungs- und Infrastrukturbau trägt dazu auch die Landwirtschaft bei, da es in den letzten Jahrzehnten zu einer immer intensiver werdenden landwirtschaftlichen Nutzung, auch in den Überschwemmungsräumen, gekommen ist (Seher, 2009). Den Flüssen wurde in Mitteleuropa und auch in Österreich in den letzten Jahrhunderten immer weniger Raum gelassen, ihre Flussbetten wurden in vorgegebenen Bahnen geleitet und ihre freien Fließstrecken immer wieder zur Energieerzeugung durch Wasserkraftwerke unterbrochen.

 

Die Donau im Machland, Landnutzung um 1827 basierend auf dem franziszeischen Kataster (oben) und aktuell um 2000 (unten) (Haidvogl, 2008):

Abbildung: Landnutzung im HQ10-Überflutungsgebiet der Donau im Machland um 1827 (Digitalisiert Doris Eberstaller-Fleischanderl)
Abbildung: Landnutzung im HQ10-Überflutungsgebiet der Donau im Machland um 2000 (Digitalisiert Doris Eberstaller-Fleischanderl)

Strategien zum Hochwasserschutz

 

In den letzten Jahren und Jahrzehnten führten bauliche sowie nicht-bauliche Hochwasserschutzmaßnahmen zu einem deutlichen Rückgang der Hochwasserschäden. Eines der wohl österreichweit bekanntesten und umfangreichsten Großprojekte zum Hochwasserschutz ist die Donauinsel. Ihr Bau wurde im Jahr 1970 bewilligt, mehr als ein Jahrzehnt folgten massive Bauarbeiten - mit 30 Millionen Kubikmeter Erde wurde eine 21 Kilometer lange, künstliche Insel und damit ein großes Entlastungsgerinne (die Neue Donau) angelegt. Die Donauinsel wurde 1988 offiziell eröffnet und ist heute ein beliebtes Erholungsgebiet für WienerInnen. Ohne dieses Großprojekt wären einige Teile Wiens mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von den letzten großen Hochwässern betroffen gewesen.

 

Zu den nicht-baulichen Hochwasserschutzmaßnahmen zählen vor allem der Erhalt und die Schaffung von Retentionsräumen. Im Programm Floodrisk I und II wurden hierzu umfassende Empfehlungen erarbeitet. (mehr Informationen: Floodrisk).

 

Nicht nur innerhalb von Österreich, auch transnational steht der Hochwasserschutz vor Herausforderungen. Flüsse und Flusssysteme enden nicht an Staatsgrenzen, daher braucht es jedenfalls länderübergreifende gemeinsame Strategien zum Schutz gegen Hochwässer. Zum Beispiel ist für bauliche Hochwasserschutzmaßnahmen ebenso zu berücksichtigen und beobachten, inwieweit die Vermeidung der Schäden lediglich punktuell passiert und möglicherweise das Ausmaß der Hochwässer flussabwärts beeinflusst wird. Auch die EU-Hochwasserrichtlinie verfolgt als ein Ziel die bessere Koordination zwischen den Mitgliedsstaaten. Dazu werden durch die verpflichtende Erstellung von Hochwasserrisikomanagementplänen sowie Hochwassergefahrenkarten und –risikokarten vergleichbare (nationale) Grundlagen geschaffen. Die Hochwasserrisikomanagementpläne sind von den Mitgliedsstaaten bis 2015 zu erstellen und beziehen sich auf nationale Flussgebietseinheiten mit signifikantem Hochwasserrisiko (BMLFUW).

 

Auf Gemeindeebene gibt es in Österreich derzeit bereits Gefahrenzonenpläne (WLV). In Gefahrenzonenplänen werden Flächen, die durch Naturgefahren wie z.B. durch Steinschlag sowie Rutschungen gefährdet sind, ausgewiesen. Bis dato haben Gefahrenzonenpläne aber keine unmittelbare Rechtsverbindlichkeit. Gemeinden sind jedoch angehalten, die entsprechenden Schlüsse aus den Gefahrenzonenplänen zu ziehen (Seher, 2009).

© Nadja Meister
Abbildung: Hochwasser am 4. Juni 2013 in Greifenstein (NÖ)

Die beiden Jahrhundert Hochwasserereignisse 2002 und 2013

 

Grund für das verehrende Hochwasser Anfang Juni dieses Jahres waren nicht nur die extrem starken Regenmengen – es sind innerhalb von vier Tagen etwa 130 bis 200 Liter pro Quadratmeter gefallen. Ebenso haben der sehr nasse Frühling und die dadurch bereits gesättigten Böden sowie die schon sehr hohen Flusspegel, zu dem extremen Ausmaß des Hochwassers beigetragen. Seit Beginn der Messungen im Jahr 1858 zählte der diesjährige Frühling mit März, April und Mai zu den sieben nassesten Frühlingsperioden in Österreich. (ZAMG, 2013)

© ZAMG
Abblidung: ZAMG Niederschlagssummen 300513-030613

Neben zahlreichen noch offenen Fragen zu den Hochwasserereignissen und zum Hochwasserschutz, können erste vorsichtige Schlüsse aus dem Vergleich der Ereignisse im Jahr 2002 und Anfang Juni 2013 gezogen werden. In den Medien fanden sich zahlreiche negative Meldungen zu den Hochwasserschäden 2013. Durch die infolge der Katastrophe im Jahr 2002 gesetzten Hochwasserschutzmaßnahmen wurde voraussichtlich das Ausmaß des diesjährigen Hochwassers zumindest gemindert. Nach Angaben des BMLFUWs wurden seit 2002 1,8 Milliarden Euro und davon allein in den letzten fünf Jahren 700 Millionen Euro in den Schutz vor Naturgefahren investiert. Damit konnten rund 7.400 Projekte umgesetzt werden. Zu den gesetzten Maßnahmen zählen die Schaffung von Rückhaltebecken, Dämme sowie Renaturierungsprojekte (BMLFUW).

 

Auch wenn Aussagen zum Einfluss von Klimawandel auf das regionale Hochwasserrisiko derzeit schwierig sind, sind mögliche Klimawandelfolgen im Hochwasserschutz jedenfalls mitzudenken und in die Naturgefahrenplanung zu integrieren. Dazu gehören vor allem auch grundlegende Maßnahmen, wie die Wiederherstellung ausreichender Retentionsräume oder einen strenge Regelung für Widmungen in Hochwassergefährdungsbereichen. Die österreichische Strategie zur Anpassung an den Klimawandel fasst mögliche Maßnahmen zum Schutz vor Naturgefahren zusammen.

Zum Thema

Daten

Weiterführende Links

Informationen zu Ursachen des Hochwassers 2013, zum Hochwasserschutz und zu Schäden auf der Website des BMLFUWs

Meldung der ZAMG zum Hochwasser 2013

Online-Plattform zur Naturgefahrenerkennung HORA 2.0

Wetterwarnungen der ZAMG

 

Referenzen

Formayer, H., Kromp-Kolb, H. (2009): Hochwasser und Klimawandel. Auswirkungen des Klimawandels auf Hochwasserereignisse in Österreich (Endbericht WWF 2006). BOKU-Met Report 7 , ISSN 1994-4179 (Print), ISSN 1994-4187 (Online). Verfügbar unter: http://www.boku.ac.at/met/report/BOKU-Met_Report_07_online.pdf

Frei, C., Schöll, R., Fukutome, S., Schmidli, J., Vidale, P.L., 2005: Future Change of Precipitation in Europe: An Intercomparison of Scenarios from Regional Climate Models. Eingereicht bei J. Geophys. Res. In:  Formayer, H., Kromp-Kolb, H. (2009): Hochwasser und Klimawandel. Auswirkungen des Klimawandels auf Hochwasserereignisse in Österreich (Endbericht WWF 2006). BOKU-Met Report 7 , ISSN 1994-4179 (Print), ISSN 1994-4187 (Online).

Habersack, H. (2009): Hochwässer, an die sich Österreich erinnert!? In: Egger, G., Michor, K. und Muhar, S., (Hrsg.): Flüsse in Österreich. Lebensadern für Mensch, Natur und Wirtschaft. (S. 226 - 234). StudienVerlag, Innsbruck.

Haidvogl, G. (2008): Von der Flusslandschaft zum Fließgewässer. Die Entwicklung ausgewählter österreichischer Flüsse im 19. und 20. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Kolonisierung des Überflutungsraums. Univ. Diss., Universität für Bodenkultur, Wien.

Haidvogl, G., Preis, S., Hohensinner, S., Muhar, S. und Poppe, M. (2009): Flusslandschaften im Wandel. Von der weitläufigen Aulandschaft zum Fließgewässer im vielfältig genutzten Talraum. In: Egger, G., Michor, K. und Muhar, S., (Hrsg.): Flüsse in Österreich. Lebensadern für Mensch, Natur und Wirtschaft. (S. 32 - 44). StudienVerlag, Innsbruck.

Yukiko Hirabayashi, Roobavannan Mahendran, Sujan Koirala, Lisako Konoshima,  Dai Yamazaki,  Satoshi Watanabe, Hyungjun Kim and Shinjiro Kanae (2013): Global flood risk under climate change. Nature and Climate Change, Vol. advance online publication (9 June 2013), doi:10.1038/nclimate1911

Kromp-Kolb, H. (2009): Der Klimawandel. In: Egger, G., Michor, K. und Muhar, S., (Hrsg.): Flüsse in Österreich. Lebensadern für Mensch, Natur und Wirtschaft. (S. 216 - 226). StudienVerlag, Innsbruck.

Seher, W. (2009): Viele wollen an den Fluss. In: Egger, G., Michor, K. und Muhar, S., (Hrsg.): Flüsse in Österreich. Lebensadern für Mensch, Natur und Wirtschaft. (S. 234 - 242). StudienVerlag, Innsbruck.

Umweltbundesamt (2013): Zehnter Umweltkontrollbericht. Umweltsituation in Österreich. Reports, Bd. REP-0410. Umweltbundesamt, Wien.  

ZAMG (2013): Wetter beruhigt sich allmählich. Klima News Meldung vom 03.06.2013.

ZAMG und TU-Wien (2011): Anpassungsstrategien an den Klimawandel für Österreichs Wasserwirtschaft. Studie der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik und der Technischen Universität Wien im Auftrag von Bund und Ländern.

Letzte Änderung: 22.07.2013